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Weltenbau für Romane: Wie aus einer Idee eine glaubwürdige Welt wird

  • j.tews
  • 28. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Im letzten Artikel ging es darum, dass jede Geschichte Weltenbau braucht, egal welches Genre. Doch wie baut man so eine Welt auf? Anhand von drei Beispielen aus meiner eigenen Arbeit und Erfahrung als Lektorin möchte ich zeigen, worauf es ankommt.


Gefühl schlägt Information

Eine Welt beginnt mit dem, was man sieht. Ein Ort mit Regeln und Formen, der die erste Weiche für den Rest der Geschichte darstellt.

Viele Autor:innen beschreiben ihre Welt sehr genau. Und das ist wichtig, aber es reicht nicht. Was Leser:innen wirklich in eine Welt zieht, sind nicht die Informationen, sondern ein Gefühl für den Ort.


Düstere Hafenstadt bei Nacht: beleuchtete Häuser, Kirchtürme, Segelschiffe auf dem Fluss und nebliger Himmel. Eine Welt brauch Atmosphäre
Eine Stadt mit Atmosphäre nimmt deine Leser:innen mit

Ein gutes Beispiel dafür ist Ketterdam aus Das Lied der Krähen von Leigh Bardugo, eins meiner Lieblingsbücher by the way. Mir wird nicht erklärt, dass Ketterdam eine gefährliche Stadt ist. Ich spüre es. Durch den Geruch der Kanäle, die Enge der Gassen und die Art, wie Menschen dort miteinander umgehen: misstrauisch, berechnend und immer auf der Hut. Ketterdam hat eine moralische Färbung, und die entsteht nicht durch Fakten, sondern durch Atmosphäre.


Atmosphäre ist kein Stilmittel, das man am Ende über einen Text sprüht. Sie ist Teil des Weltenbaus selbst. Sie entsteht in den Details, in dem, was Figuren wahrnehmen, was sie ignorieren, und was sie nie kommentieren würden, weil es für sie einfach normal ist.


Hinter der Atmosphäre liegt eine Vergangenheit

Diese Atmosphäre kommt jedoch nicht aus dem Nichts. Sie entsteht, weil ein Ort eine Geschichte hat, die über die eigentliche Handlung hinausgeht, auch wenn diese Geschichte nie ganz erzählt wird. Ein Ort muss nicht real sein, um Tiefe zu haben, aber er braucht eine Vergangenheit, die spürbar ist.


Für meine eigene Romantasy-Trilogie habe ich mir eine Universität ausgedacht und ihr eine Vergangenheit gegeben. So war sie zuallererst ein Nonnenkloster, dann wurde daraus eine Jungenschule gemacht, die im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört wurde. Heute existieren nur noch Reste aus dieser Zeit, zum Beispiel eine kleine Kapelle im Wald, in der Studierende feiern, ohne zu hinterfragen, was dort vorher war. Und die große Kapelle ist inzwischen eine Bibliothek, an deren Decke noch ein altes Fresko hängt. Die meisten schauen kaum hin, aber es ist noch da. Die Geschichten der Menschen, die dort einst lebten, sind es hingegen nicht mehr.


Du musst nicht jede vergangene Schicht des Orts zeigen, aber wissen, was dort passiert ist und was verloren ging. Denn das spüren deine Leser:innen, auch ohne dass du es ihnen erklärst. Und genau diese Vergangenheit ist es auch, die irgendwann auf eine Figur trifft und sie formt.


Gotische Bibliothek mit hohen Bücherregalen und bemalter Gewölbedecke. Jeder Ort hat eine Geschichte.
Jeder Ort hat eine Geschichte, die es zu entdecken gilt

Vom Ort zur Figur: der Austausch-Test

Die Welt mit Atmosphäre und Vergangenheit ist die eine Hälfte, die andere ist die Figur, die aus genau dieser Welt entstanden ist.

Deshalb ist der vielleicht wichtigste Gedanke zum Thema Weltenbau dieser: Eine Figur, die wirklich zu ihrer Welt gehört, lässt sich nicht einfach in eine andere Welt versetzen, ohne dass sie zusammenbricht.


In derselben Trilogie gibt es meine Figur Mia. Sie ist in einer ruhigen Kleinstadt aufgewachsen, mit einer liebevollen Familie und Freundschaften, die seit der Kindheit halten. Diese Welt hat ihr ein sehr klares Bild von Gut und Böse mitgegeben. Wäre Mia in einer Großstadt aufgewachsen, mit Mobbing in der Schule oder einer zerrütteten Familie, hätte sie andere Erfahrungen gemacht und ganz andere Werte mitbekommen.


Mia als Figur funktioniert nur, weil sie aus genau dieser Welt kommt. Würde ich sie zu Beginn der Geschichte einfach in eine andere Welt versetzen, würde sie als Figur nicht mehr funktionieren. Sie könnte ihr Weltbild dann nicht durch neue Erfahrungen hinterfragen und sich auf genau diese Weise weiterentwickeln.


Genau dieser Zusammenhang zwischen Welt und Figur macht eine Geschichte glaubwürdig. Wenn deine Figur in jeder Welt gleich reagieren würde, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Was am Ort beginnt, mit Atmosphäre und Vergangenheit, endet also immer bei der Figur. Erst wenn alle drei Ebenen zusammenwirken, wird aus einer Idee eine Welt, die wirklich trägt.


Bevor du dich in Schauplätzen, Hintergrundgeschichten oder kleinen Details verlierst, hilft ein klarer Blick auf das Wesentliche. Guter Weltenbau bedeutet nicht, möglichst viel zu erklären. Er bedeutet, die richtigen Grundlagen zu kennen und sie so einzusetzen, dass sie die Geschichte, die Figuren und die Atmosphäre tragen.


Im Folgenden habe ich 7 Tipps für dich zusammengefasst, die dir dabei helfen, deine Welt glaubwürdiger, lebendiger und enger mit deiner Handlung zu verbinden.



7 Tipps für glaubwürdigen Weltenbau


  1. Kenne die Regeln deiner Welt, bevor du schreibst

    Was ist erlaubt, was verboten, und was passiert, wenn jemand eine Grenze überschreitet? Das gilt nicht nur für Fantasywelten, sondern auch für Familien, Schulen, Dörfer, Firmen oder Freundeskreise. Ohne klare Konsequenzen wirkt jede Welt beliebig.

  2. Lass Atmosphäre statt Information wirken

    Erkläre nicht, wie sich ein Ort anfühlt. Zeig es über das, was deine Figuren wahrnehmen, wie sie darauf reagieren und was sie lieber übersehen.

  3. Gib deinem Ort eine Vergangenheit

    Auch wenn du sie nie vollständig erklärst, braucht dein Ort eine Vergangenheit. Was ist hier passiert? Was ist verloren gegangen? Und welche Spuren davon sind noch sichtbar, in Gebäuden, Regeln, Erinnerungen oder Gewohnheiten?

  4. Mach den Austausch-Test

    Würde deine Figur auch in einer völlig anderen Welt funktionieren? Wenn ja, ist die Verbindung zwischen Figur und Welt noch zu lose. Eine Figur sollte nicht nur in einer Welt leben, sondern von ihr geprägt sein.

  5. Recherchiere gezielt, nicht endlos

    Echte Quellen wie Geschichte, Kulturen oder Wirtschaftssysteme geben deiner Welt Tiefe, aber irgendwann musst du anfangen zu schreiben. Recherche kann auch eine sehr produktiv klingende Form von Aufschieberitis sein.

  6. Achte auf Details am Rand

    Sprache, Bräuche, Sitten, Geld, Kleidung, Essen und kleine Gewohnheiten. Solche Details zeigen, wie Menschen in dieser Welt leben. Sie machen den Unterschied zwischen einem Ort, der nur generisch wirkt, und einem Ort, der sich echt anfühlt.

  7. Schreib nicht alles, was du weißt, in den Text

    Das Wissen trägt deine Welt, auch wenn es unsichtbar bleibt. Leser müssen nicht jede Hintergrundinfo kennen. Sie müssen nur spüren, dass es mehr gibt als das, was gerade auf der Seite steht. Zeig den Eisberg, nicht das ganze Meer.


Fazit

Eine Welt, die wirklich überzeugt, lässt sich nicht einfach austauschen. Sie ist genau so gebaut, dass nur diese eine Geschichte mit genau diesen Figuren darin passieren kann. Das gilt für die Gassen von Ketterdam genauso wie für eine kleine Universität mit einem alten Fresko an der Decke.


Wenn du das nächste Mal an deiner Welt arbeitest, frag dich nicht nur, wie sie aussieht. Frag dich, was sie aus deinen Figuren macht, welche Regeln gelten und welche Vergangenheit sie in sich trägt, auch wenn sie es nie aussprechen muss.


Du steckst beim Weltenbau für dein eigenes Manuskript fest? Genau das ist Teil meiner Arbeit im Schreibcoaching und Lektorat. Schreib mir gerne eine Nachricht.

 
 
 
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Hier findest du Gedanken übers Schreiben und Einblicke in meine Arbeit als Autorin, Lektorin und Schreibcoach.

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