Weltenbau ist nicht nur Fantasy: Warum jede Geschichte eine Welt braucht
- j.tews
- 14. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Wenn ich mit Autor:innen über den Weltenbau in ihrem Manuskript spreche, höre ich oft den Satz: "Ich schreibe keine Fantasy, ich brauche keine Welt bauen.“
Aber ist das wirklich so? Dieser Frage möchte ich in diesem Artikel nachgehen.

Weltenbau ist kein Fantasy-Privileg
Der Begriff Weltenbau klingt nach Karten, erfundenen Sprachen und Königreichen. Kein Wunder, dass viele Autor:innen von Gegenwartsromanen ihn für sich abhaken.
Aber sobald du entscheidest, wo deine Figuren leben, baust du eine Welt.
Eine Kleinstadt, eine Schule, eine Familie oder ein Freundeskreis, das alles sind Welten mit eigener Logik, eigenen Machtstrukturen und eigenen ungeschriebenen Regeln.
Der Unterschied zwischen einem Gegenwartsroman und Fantasy liegt also nicht darin, ob Weltenbau stattfindet, sondern darin, an welchen Punkten die Welt gestaltet wird.
Jede Figur kommt aus einer Welt
Ob Fantasy, Krimi, Gegenwartsroman oder Science-Fiction - jede Geschichte beruht auf einer Welt, aus der die Figur kommt. Diese Ausgangswelt gibt einen Rahmen vor: die Gesellschaft, in der die Figur aufgewachsen ist, die Regeln, die dort galten und die Werte und Normen, die sie verinnerlicht hat. Sie prägt auch die Erfahrungen der Figur und wie sie auf die Welt und das Leben sieht.
Das ist keine Fantasy-Besonderheit. Eine Kriminalkommissarin, die in einem strengen, ordnungsliebenden Elternhaus aufgewachsen ist, bringt eine andere Haltung zu Recht und Unrecht mit als eine, die selbst einmal Unrecht erfahren hat. Ein Mädchen aus einer Kleinstadt mit strengen sozialen Kontrollen reagiert anders auf Freiheit als eines, das in einer Großstadt mit nachsichtigen Eltern aufgewachsen ist.
Die Welt, aus der eine Figur kommt, ist die unsichtbare Grundlage für alles, was sie später tut.

Die Erzählung setzt dort an, wo die Figur aus der ihr bekannten Welt ausbrich
Viele Geschichten erzählen genau davon, ob und wie sich eine Figur aus ihrer Ausgangswelt heraus entwickelt, oder eben – in wenigen Ausnahmen – auch mal nicht.
Die Werte, die eine Figur mitbekommen hat, werden im Laufe der Handlung auf die Probe gestellt. Sie sammelt neue Erfahrungen, lernt neue Menschen kennen, gerät in neue Situationen und hinterfragt dabei das, was zuvor als selbstverständlich galt.
Damit das jedoch funktioniert, muss die Ausgangswelt erst einmal klar und glaubwürdig ausgearbeitet sein. Nur wenn deutlich wird, woraus eine Figur kommt, kann ihre Entwicklung – oder ihr Festhalten am Alten – überhaupt eine Bedeutung bekommen.
Eine Figur, die sich aus ihren Werten herausentwickelt, ohne dass klar war, welche Werte das waren, hat keinen Weg zurückzulegen. Es fehlt der Ausgangspunkt.
Weltenbau ist also nicht optional
Weltenbau ist kein Extra für bestimmte Genres, sondern eine Grundvoraussetzung für jede Geschichte.
Die Frage ist also nie, ob du eine Welt baust, denn das tust du automatisch. Sonder nur, ob du das bewusst und durchdacht tust, oder ob es zufällig passiert.
Bewusster Weltenbau bedeutet: Du weißt, welche Regeln in der Welt deiner Figur galten. Du weißt, welche Werte sie ihr mitgegeben hat. Und du weißt, an welchem Punkt diese Welt beginnt, nicht mehr auszureichen, denn genau dort beginnt für gewöhnlich deine eigentliche Geschichte.
Du steckst beim Weltenbau für dein eigenes Manuskript fest? Genau das ist Teil meiner Arbeit im Schreibcoaching und Lektorat. Schreib mir gerne eine Nachricht.
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